Wer näht, braucht eine Nähmaschine. Nicht zwingend, aber sie erleichtert das Leben ungemein. So weit, so klar. Oder unklar, wie ich noch feststellen würde.

 

Am Anfang meiner Nähprojekte standen nicht etwa einfache Taschen oder Kissenhüllen, sondern Hundehalsbänder. Das ist einige Jahre her und zwischen damals und heute, wo ich wieder mit Nähen anfange, war eine lange "Trockenzeit", in der ich gar nicht nähte. Keine Zeit, keine Lust, keine Energie, keine Ideen....und vor allem: keine "richtige", d.h. für die Arbeit gut geeignete Maschine.

 

Die ersten Hundehalsbänder nähte ich auf einer billigen "Plasteline". Made im Fernen Osten, gekauft für 80,- € beim Discounter, machte mein nicht gerade hochwertiges Plastikteil eine Weile erstaunlich brav mit, was ich ihr so abverlangte. Irgendwann verweigerte sie jedoch die Zusammenarbeit, fabrizierte keine sauberen Nähte mehr, vermurkste meine Nähprojekte, produzierte Fadensalat und die genähten Sachen sahen einfach nicht mehr schön aus. Irgendwann roch sie nach dezent vor sich hinkokelndem Kunststoff und machte dann keinen Mucks mehr. Der Motor brummte unwirsch, aber nicht mal das Handrad ließ sich noch drehen. Das Nähen durch mehrere Lagen Gurtband und dicke Sachen hatten ihr praktisch "das Rückgrad gebrochen". Da sich eine Reparatur leider nicht lohnte, ergriff ich die Gelegenheit, mich mit dem Innenleben einer Nähmaschine auseinanderzusetzen und sie auseinanderzuschrauben. Die Sektion bestätigte den Verdacht, dass das Plastikteil den an sie gestellten Anforderungen auf Dauer nicht gewachsen war.

 

Da war guter Rat teuer. Es half alles nichts; eine neue Maschine musste her. Wo nichts mehr hilft, hilft oft ein Blick in eine Suchmaschine weiter. Nach langen Recherchen wurde mir klar, dass zum Einen einem  neuen Billigmaschinchen dasselbe Schicksal wie dem alten blühen würde. Doch auch die teuren Modelle wären der Belastung solcher Nähprojekte nicht gewachsen, zumal ich mit meiner Nähmaschine zwar vorsichtig umgehe, doch manchmal eher grobmotorisch unterwegs bin. In diversen Nähmaschinen- und Handarbeitsforen wurden für derartige Näharbeiten immer ganz alte Nähmaschinen empfohlen. Aus Guss, mit wenig Schnickschnack, mechanisch und sehr robust. Modelle aus den 50 bis 80er Jahre. Günstig im Einkauf, günstig in der Wartung, robust und unkaputtbar. Lada statt Rennwagen. Und so machte ich mich auf die Suche....

 

Es heißt immer: zeig mir deinen Hund und ich sage dir, wer du bist. Doch auch wer in Sachen Nähmaschinensuche unterwegs ist, lernt oft interessante Menschen kennen und blickt in manche Abgründe. In den Kleinanzeigen eines großen Internetauktionshauses wurde ich schnell fündig. Klar war mir von vorneherein, dass ich auf keiner Auktion bieten würde, sondern nur Nähmaschinen aus Kleinanzeigen in Frage kommen würden, denn ich wollte sie selbst anschauen, selbst ausprobieren, dann bar zahlen und mitnehmen.

 

Und das war auch gut so. Trau-schau-wem.

 

Die ersten drei Maschinen schaute ich in einem Ort etwa 15 km von mir entfernt an. Während die alte Gritzner schon ziemlich Rost angesetzt hatte und auch durch die "geringe Luft" unter dem Nähfüsschen nicht in Frage kam, war ich vom tadellosen Zustand der Zündapp sowie der Anker überrascht. Sie waren hervorragend gepflegt und sahen aus, als hätten sie die Werkhalle gerade erst verlassen, obwohl beide mehr als 60 Jahre auf dem Buckel hatten. Der einzige Wermutstropfen war, dass sie keinen elektrischen Fußantrieb hatten und ich mit dem mechanischen Pedal überhaupt nicht zurecht kam. Dass sie keinen elektrischen Fußantrieb hatten, war im Inserat nicht erwähnt gewesen.

 

Als nächstes fuhr ich über eine Stunde, um mir eine Pfaff anzuschauen. Dass der Transport nicht funktionierte, hatte die Dame wohl vergessen, im Inserat zu erwähnen. Nachdem sie auseinandergeschraubt wurde und ich die Fusseln entfernt sowie sie etwas "notfallmäßig versorgt" hatte, lief sie wie am Schnürrchen und schnurrte ohne Probleme auch durch dicke Lagen. Nur wollte die ältere Dame  auf einmal gar nicht mehr verkaufen, nachdem sie jetzt wieder  problemlos ging.....und so fuhr ich unverrichteter Dinge eine weitere Stunde zurück - ohne Nähmaschine, aber um eine Erfahrung reicher.

 

Eine weitere Nähmaschine wurde als gut funktionierend  angeboten. Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt kam ich an, um festzustellen, dass derer drei zum Verkauf standen: eine Pfaff und zwei Singer. Bei der einen Singer fehlten die Garnrollenhalter für den Oberfaden, so dass ich sie nicht ausprobieren konnte. Bei der Pfaff fehlte gar die Spulenkapsel, so dass ein Testen auch nicht möglich war und die dritte im Bunde, die zweite Singer, hatte einen Wackelkontakt und ratterte in der Lautstärke einer Heuballenpresse, was nicht gerade "gesund" klang. Auch hier nahm ich von einem Kauf Abstand, denn zwei Maschinen konnte ich nicht testen-eine als voll funktionsfähig beschrieben - und die andere schien eine Wartung nötig zu haben.

 

Eine weitere ältere Singermaschine stand in einem Ort etwa 15 km von hier zum Verkauf. Testen? Probenähen? Fehlanzeige. Als ich mit meinem Stoff zum Probenähen ankam, wurde mir eine kalte Garage geöffnet, in der die Nähmaschine lieblos ihr Dasein fristete. Kein Tisch, kein Stuhl....ach, ich wollte Probenähen? Ja ob ich das nicht auf dem Boden könnte...die Maschine stünde doch da....und ja auch hier waren Teile abgebrochen, die auf den Bildern im Internet kaschiert waren. Man sei ja kein Händler, ich solle sie kaufen oder es lassen....natürlich ließ ich es und verließ die mit diversen Haushaltsgeräten aller Art vollgestellte Garage und diesen Ort der Erquickung.

 

Als nächstes las ich von einer Victoria, die etwa 40 km entfernt aus Nachlass zu verkaufen war. Funktionsfähig. Aber diese Floskel wird - wie ich inzwischen weiß - nicht nur von Autoverkäufern inflationär und nicht immer ganz zutreffend verwendet. Die Maschine stand hinter der Haustüre in einem schmalen Hausflur, der mich nicht nur der Form nach vage an einen Eiskanal erinnerte. Während ich mich auf dem Stuhl warmzitterte, legte ich Unter- und Oberfaden ein und startete die Maschine. Den Oberfaden ließ ich den Besitzer halten, denn auch hier gab es keine Oberfadenhalterungen mehr. Mit einem knurrenden Geräusch ratterte "die Siegerin" (so die Namensbedeutung)  los - im Zickzackstich. Doch ich wollte den Geradestich probenähen. Sie röhrte ein weiteres Mal auf, um nach genau zwei Stichen keinen Mucks mehr zu machen. Der Motor sprang an, doch sie blockierte auch bei dünnerem Stoff. Nachdem ich die größten Fehlerquellen ausgeschlossen hatte, aber absolut keine Lust hatte, eine weitere Maschine erst "gangbar" machen zu müssen, um sie erst richtig testen zu können - noch dazu  im kalten Flur mit "eingefrorenen"  Händen - fuhr ich ein weiteres Mal ohne Maschine nachhause.

 

10 km von hier wurde, ebenfalls aus einem Nachlass, eine Pfaff 332 angeboten. Ein sogenanntes "Eisenschwein", wie diese alten Modelle von Hobbynähern oft genannt werden. Sehr schwer, aus Metall, und bis auf die Kondensatoren, die eine Schwachstelle sind,  praktisch unverwüstlich. Sie hatte einer Handarbeitslehrerin gehört und wurde jetzt vom Sohn verkauft. Dass die Nähmaschine viele Jahre unbenutzt im Koffer stand, war nicht gut, aber anschauen wollte ich sie mir, zumal es "ums Eck" war. Die Maschine war optisch sehr ansprechend, die Laune des jetzigen  Besitzers war es nicht. Am liebsten hätte er sie gleich los gehabt, doch ich wollte sie testen. Ohne Zeit beim Nähmaschinenkauf geht gar nichts. Hier darf sich der potentielle Käufer weder hetzen noch unter Druck setzen lassen.  Es kam, wie befürchtet; die Maschine brummte, nähte aber nur ein, zwei Stiche. Dann nähte sie gar nicht mehr und bewegte sich nur sehr schwerfällig. Offensichtlich war sie nach dieser langen Ruhezeit völlig verharzt. Solche Nähmaschinen wollen gepflegt werden, benutzt, gereinigt und regelmäßig geölt. Steht sie nur herum, verklebt und verharzt das alte Öl die Maschine. Das sagte ich dem Besitzer. Das interessierte ihn nicht, wollte sie aber dennoch zu einem Preis verkaufen, der in diesem Fall nicht gerechtfertigt ist, denn bevor diese Maschine wieder ordentlich näht, muss sie komplett durchgesehen und erst einmal entharzt  werden.  Vielleicht wäre ich mit einem geduldigeren Menschen in Verhandlung getreten,  doch der Besitzer packte die Maschine wieder weg, so dass ich so schnell wie möglich das Haus verließ.

 

Eine Singer Merritt wurde angeboten, und ich konnte nicht widerstehen, sie anzuschauen. Erneut fuhr ich etwa 45 Minuten, wo mir von einer sehr betagten Dame geöffnet wurde. Ich wurde von ihr und ihrer Tochter schon erwartet, die Maschine war eingefädelt und aufgebaut, das Wohnzimmer war warm und alles war zum Probenähen vorbereitet. Erwartungsvoll nahmen Mutter und Tochter neben mir Platz, erwartungsvoll packte ich meinen Probejeansstoff aus, ließ das Nähmaschinenfüsschen herunter und startete gefühlvoll die Maschine, die auch ohne zu mucken fröhlich zu surren begann. Sie nähte - aber ohne Faden. Egal, wie sich jeder von uns bemühte - die Stiche waren "fadenlos". Alles war richtig eingefädelt, die Maschine war sauber, es waren weder  Flusen im Greifer noch war sie schwergängig, doch sie wollte nicht wie sie sollte. Da es keine Bedienungsanleitung mehr gab und auch die Handyrecherche im Internet nichts ergab, strichen wir nach etwa einer Stunde die Segel. Mutter und Tochter baten mich, die Maschine kostenlos mitzunehmen. Würde ich zuhause den Fehler finden, hätte ich so eine kostenlose funktionierende Maschine, wenn nicht, solle ich sie ausschlachten oder entsorgen. Vielleicht finde ich den Fehler....momentan steht "die Patientin" auf meiner kleinen Werkbank und wartet darauf, dass ich mich ihrer annehme. Eine funktionierende Nähmaschine hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht.

 

Dieser Artikel und damit die Geschichte neigt sich dem Ende zu. Erwähnenswert ist noch die uralte Singer etwa 25km von hier, die von mir wie ein Truthahn tranchiert und anschließend wieder zusammengesetzt wurde. Die Besitzerin zerlegte zeitgleich ihre Pfaff, um die beiden Maschinen zu vergleichen.  Es war wie eine Operation am offenen Herzen.....es war eine tolle Maschine, diese Singer. Abgesehen vom müffelnden, modrigen Kellergeruch, den sie  und  der Transportkoffer verströmten, war sie gepflegt,  gut gewartet,  und da kein Kunststoff in der Mechanik verbaut war,  grundsolide. Hätte sie nicht so wenig Platz unter ihrem Nähfüßchen gehabt, wäre sie von mir gekauft worden. Doch mehr als vier Lagen Jeans passten nicht darunter, und das ist einfach zu wenig.

 

Aber es gibt dennoch ein Happy End auf der Suche nach einem neuen Nähgerät. Seit wenigen Tagen befinden sich eine Gritzner Selecta GAF aus dem Ende der 50er Jahre, gebaut von Gritzner-Kayser, Deutschland,  und eine Privileg 485 aus dem Ende der 70er Jahre, gebaut von Maruzen-Jaguar, Japan, in meinem Besitz. Zwar werde ich nie einen Jaguar in meiner Garage stehen haben, aber dafür steht einer auf meinem Nähtisch  ;-)  Beides sind grundsolide Maschinen ohne Schnickschnack und ohne Chi-Chi, die sehr zuverlässig auch durch mehrere Lagen Segeltuch und schweres Material gehen. Es war keine "Liebe auf den ersten Blick", eher eine Art "Vernunftehe". Aber es passt alles, und sie machen, was sie machen sollen und auch bei den Vorbesitzern jahrzehntelang getan haben - sie nähen.

 

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